Es hat ungefähr zehn Jahre gedauert, bis dieser Satz für mich gestimmt hat. Und noch mal zwei bis drei Monate, bis ich verstanden habe, dass er wahr ist.
Als ich vor Jahren mit Sport angefangen habe, war das Ziel dahinter ziemlich klar. Ich wollte schlanker sein. Punkt. Ich wollte, dass die Zahl auf der Waage runter geht. Ich wollte in bestimmte Klamotten passen. Ich wollte einen bestimmten Körper haben.
Heute ist mein Ziel ein anderes. Und ich bin überrascht, wie ich hierher gekommen bin. Denn es war kein einzelner Moment. Es war ein langer, unspektakulärer Weg, an dessen Ende ich plötzlich merkte: Es geht mir gar nicht mehr um schlank sein.
Zehn Jahre Sport ohne Plan
Ich laufe seit über zehn Jahren. Und wenn ich ehrlich bin, kommt das „seit zehn Jahren“ mit vielen kleinen Sternchen daher. Ich war eher jemand, der einmal im Monat läuft, sich dabei sagt, dass es mehr sein müsste, und dann wieder ein paar Wochen nichts macht.
Dehnen war immer da. Yoga-Videos auf YouTube auch. Fitnessstudio-Anmeldungen mit unregelmäßigem Besuch. Fünf Jahre Garde tanzen habe ich auch gemacht. Und trotzdem hätte ich mich nie als super sportlich beschrieben. Sport war etwas, das im Hintergrund lief, mal mehr, mal weniger. Und die Motivation dahinter war meistens dieselbe: schlanker werden. Oder zumindest nicht zunehmen.
Der Beziehungs-Effekt
Vor ein paar Jahren bin ich mit meinem jetzigen Freund zusammengekommen. Und dann ist etwas passiert, was viele kennen. Wir sind gemeinsam gemütlich geworden. Ein Dönerstag wurde eingeführt. Wir bestellten oft Essen. Alles war schön, das Essen war lecker, und trotzdem hat sich das mit der Zeit auf der Waage gezeigt.
Ich habe ungefähr fünf Kilo zugenommen. Erst von 65 auf 72. Und obwohl zwei Kilo relativ schnell wieder weggingen, haben sich die 70 hartnäckig gehalten. Egal was ich probiert habe, sie sind geblieben.
Das war die Zeit, in der ich mich am wenigsten wohl in meinem Körper gefühlt habe. Nicht wegen der Zahl, obwohl auch das eine Rolle gespielt hat. Sondern wegen der Kombination. Weniger Bewegung. Mehr essen. Und dieses ständige leise Ziehen im Hinterkopf, dass ich eigentlich etwas ändern sollte.
Zwei Jahre regelmäßig Gym
Seit zwei Jahren versuche ich, zwei bis drei Mal pro Woche ins Gym zu gehen. Und mit versuchen meine ich, es klappt jetzt wirklich meistens. Nicht immer, nicht perfekt, aber regelmäßig.
Am Anfang war der Antrieb weiterhin: Vielleicht hilft mir das, dass ich wieder in die 65-Region komme. Es hat nicht funktioniert. Die Waage stand still. Und ich habe langsam gemerkt, dass Gym alleine nicht das Ding war, das mich weiterbrachte. Auch wenn ich mich schon anders gefühlt habe. Fitter. Kräftiger.
Anfang 2025: Zone 2 kommt in mein Leben
Anfang 2025 bin ich angefangen, wirklich regelmäßig zu laufen. Und dabei habe ich Zone 2 Training entdeckt. Das war der Startpunkt für alles, was danach passiert ist.
Weil Zone 2 mich nicht mehr platt gemacht hat wie das Laufen davor, konnte ich plötzlich regelmäßig laufen. Zwei bis drei Mal pro Woche. Gym zusätzlich zwei bis drei Mal. Und dann ist im Sommer 2025 etwas passiert, was ich vorher nicht für möglich gehalten habe.
Sommer 2025: Die fünf Kilo, die einfach gingen
Ich habe angefangen, für meinen ersten Halbmarathon zu trainieren. Meine Laufumfänge wurden größer. Zwei bis drei Läufe pro Woche, dazu die Gym-Sessions.
Und im Sommer habe ich sowieso weniger Hunger. Ich landete in einem leichten Kaloriendefizit, ohne dass ich das aktiv gesteuert habe. Fünf Kilo sind einfach so verschwunden. Von 70 auf 65.
Das war die Bestätigung, die ich lange gesucht hatte. Aber komischerweise habe ich nicht so gefeiert, wie ich es früher getan hätte. Bei fünf Kilo war Schluss. Danach kamen keine weiteren. Und irgendwo im Kopf ist etwas passiert, was ich damals noch nicht so klar in Worten fassen konnte.
Vor zwei, drei Monaten hat es klick gemacht
Aktuell zeigt die Waage 67 Kilo. Nicht mehr 65. Zwei Kilo mehr als im Sommer. Vor ein paar Jahren hätte mich das nervös gemacht. Jetzt nicht.
Denn ich weiß, was diese zwei Kilo sind. Wir haben vor zwei Monaten das Fitnessstudio gewechselt, und im neuen Studio gibt es einen Bodycheck. Der zeigt mir Monat für Monat, dass mein Körperfettanteil weiter sinkt. Bei dem Sportpensum, das ich mache, ist es fast unmöglich, wirklich zuzunehmen. Zumindest keine zwei Kilo Fett. Ich tippe auf Wasser und Muskeln. Ich nehme wieder Kreatin. Und ich fühle mich seit drei, vier Monaten so gut wie lange nicht.
Und irgendwann vor zwei, drei Monaten habe ich es gemerkt: Ich versuche gar nicht mehr, schlank zu sein.
Warum stark und fit heute wichtiger ist
Was mir wichtig ist heute: Meinen Körper mit Energie zu versorgen, damit er die Sachen machen kann, die ich mit ihm vorhabe. Einen Halbmarathon laufen. Im Gym stärker werden. Meine Kilometer schneller machen. Meine Trainingswoche durchziehen, auch wenn viel los ist.
Wenn ich nur schlank sein wollte, würde ich weniger essen. Aber weniger essen würde bedeuten, dass mein Körper meine Ziele nicht mehr schafft. Weniger Energie beim Laufen. Weniger Kraft beim Heben. Weniger Regeneration. Weniger Fortschritt.
Also esse ich anders. Ich esse eher mehr als weniger. Ich achte auf viel Protein. Ich lasse mir schmecken, was mir schmeckt. Und ich mache Sport, weil er mir Freude macht und meinen Körper stärker, ausdauernder und resilienter macht. Nicht weil er mich klein machen soll.
Meine aktuellen Zahlen
Weil ich glaube, dass konkrete Zahlen manchmal helfen, hier sind meine. Als Einblick.
Bodycheck heute:
- 67,8 kg (Abends gemessen)
- Körperfett 27 Prozent
- Muskelmasse 27 kg
- Magermasse 49,5 kg
- FFMI 18 (Fettfreier Massenindex)
- Muskelprotein 9,8 kg
- Biologisches Alter laut Bodycheck: 24 (real bin ich 29)
Nach Körperregionen aufgeschlüsselt:
- Beine: 8,3 kg Magermasse (Kategorie Bodybuilder)
- Torso: 21,2 kg Magermasse (Kategorie Gesund)
- Arme: 2,4 kg Magermasse (Kategorie Durchschnitt)
Die Arme sind übrigens die Baustelle, an der ich als nächstes arbeite. Ich fange gerade an, mehr Oberkörper-Kraftübungen einzubauen. Nicht damit sie größer aussehen, sondern damit meine Klimmzüge stärker werden. Und weil mir schon oft gesagt wurde, dass ich schöne muskulöse Arme habe. Da hab ich Lust drauf.
Was das für meinen Alltag heißt
Mein Bauch fühlt sich relativ schlank an. Nicht flach. Nicht straff wie auf Instagram. Aber schlank, in einer Weise, mit der ich mich wohl fühle.
Ich passe in die Klamotten, die ich mag. Wenn eine Hose nicht passt, weil ich mehr Bein-Muskeln bekommen habe, dann ist das ein guter Grund, dass sie nicht passt. Nicht ein Zeichen, dass ich weniger essen muss.
Ich habe Kraft im Alltag. Ich kann meine Einkäufe locker tragen. Ich springe Treppen hoch. Ich merke, dass mein Körper einfach mehr aushält als vor drei Jahren.
Und wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich einen Körper, den ich mag. Nicht weil er schmal ist. Sondern weil er das kann, was ich von ihm möchte.
Was ich dir mitgeben möchte
Ich habe zehn Jahre gebraucht, um hier anzukommen. Und wahrscheinlich hätte ich nie durch Willen umschalten können. Der Wechsel im Kopf ist erst gekommen, als ich angefangen habe, meinen Körper wirklich zu benutzen. Nicht als Objekt, das kleiner werden soll. Sondern als Werkzeug, das immer bessere Sachen kann.
Wenn du dich gerade in einer Phase befindest, in der du hauptsächlich schlanker sein willst, ist das okay. Ich verurteile das nicht. Das war ich auch mal. Aber vielleicht als Angebot: Probier mal aus, was passiert, wenn du deinen Körper auf ein konkretes Leistungs-Ziel trainierst. Ein 5 km Lauf. Zehn Push-Ups am Stück. Kniebeugen mit deinem Körpergewicht auf der Stange.
Ich verspreche dir nicht, dass sich dein Verhältnis zum eigenen Körper dadurch komplett dreht. Bei mir hat es zehn Jahre gedauert. Aber du gibst deinem Körper ein anderes Ziel als „kleiner werden“. Und das ist der erste Schritt, um irgendwann zu merken: Es geht gar nicht mehr um schlank sein.
Es geht darum, ein Körper zu sein, der lebt. Der stark ist. Der was aushält. Und der dich durch die Sachen trägt, die du wirklich machen willst.


