Ich war am Wochenende in der Schweiz, um eine Freundin zu besuchen. Wir wollten einfach gemütlich zusammen Zeit verbringen und ein bisschen wandern. Dann hat ihr jemand den Speer empfohlen. Eine Tageswanderung. Acht Stunden, hieß es.
Herausgekommen sind 10 Stunden, 25 Kilometer, 1400 Höhenmeter und eine der schönsten Wanderungen, die ich je gemacht habe. Spontan, ohne Vorbereitung, einfach so aus dem Stegreif.
Hier kommt die Geschichte des Tages. Und am Ende die Erkenntnis, warum sich jede Trainingseinheit lohnt, auch wenn sie sich im Moment nach wenig anfühlt.
7 Uhr aufstehen, 8:30 Uhr am Parkplatz
Samstagmorgen, 7 Uhr Wecker. Ein ordentliches Frühstück, Rucksack packen, Wasser auffüllen. Um 8:30 standen wir am Parkplatz unter dem Berg. Beide motiviert, beide ein bisschen aufgeregt. Weder sie noch ich wussten wirklich, was uns da erwartet.
Das erste Hindernis kam direkt am Anfang. Eine Kuhweide, über die der Weg ging. Wir haben beide ziemlich großen Respekt vor Kühen. Große, neugierige Tieren, die manchmal nicht ganz einschätzbar sind. Wir sind also sehr vorsichtig durchgegangen und waren beide erleichtert, als wir wieder sicher auf der anderen Seite des Zauns waren.
700 Höhenmeter Stairmaster in echt
Dann ging es relativ zügig und steil bergauf. 700 Höhenmeter am Stück, kaum flache Stücke dazwischen. Mein innerer Fitnessstudio-Vergleich kam sofort: das hier ist Stairmaster in real life, nur ohne die Möglichkeit, einfach auf Stopp zu drücken.
Das Schöne war, dass sich die Belohnung regelmäßig einstellte. Alle paar Minuten gab es einen neuen Ausblick, der zum Stehenbleiben einlud. Und zum Stehenbleiben einlud heißt in meinem Fall: zum Luftholen zwingt. Aber jeder Blick zurück ins Tal, auf den See, auf die anderen Berge, hat die Beine wieder leichter gemacht.
Die Strecke war von Anfang an abwechslungsreich. Mal durch Wald, mal an einem offenen Grat entlang, mal über Wurzeln, mal über Steinstufen. Nie wurde es monoton. Und das ist, finde ich, eins der schönsten Dinge an einer guten Wanderung.
Über der Baumgrenze
Irgendwann hatten wir 1200 Höhenmeter hinter uns. An dieser Stelle veränderte sich die Landschaft komplett. Keine Bäume mehr, nur noch die raue, offene Berglandschaft. Steine, Gras, Fels, ein paar hartnäckige Blumen zwischen den Felsspalten. Die Luft fühlt sich hier oben anders an. Dünner, aber auch klarer.
Ein paar eindrucksvolle Passagen folgten noch. Schmale Pfade, ein paar Stellen, an denen man kurz die Hand zu Hilfe nehmen musste. Und dann die letzten hundert Höhenmeter als Treppe. Die hatten es noch einmal in sich. Mein Puls ging bei den steilen Stufen weit hoch, meine Beine habe ich die ganze Zeit gemerkt. Aber da oben wartet eben etwas, also habe ich einfach weitergemacht.
Oben auf dem Gipfel
Fünfeinhalb Stunden nach dem Parkplatz standen wir auf dem Gipfel. Weit und breit nur eine Handvoll andere Menschen, die auch alle still waren und einfach geguckt haben.
Erstmal Pause. Rucksack absetzen, hinsetzen, trinken, Brötchen auspacken. Besser hat ein Brötchen in meinem Leben noch nie geschmeckt. Ich war angenehm erschöpft, zufrieden, satt und gleichzeitig so wach wie seit Wochen nicht.
Die anderen Menschen da oben waren allesamt auch keine normalen Spaziergängerinnen. Es war klar, dass alle hier eine ernsthafte Tour hinter sich hatten. Alle sind sie Maschinen, dachte ich mir, so wie wir gerade auch. Und das war ein schönes stilles Gefühl von Verbundenheit.
Das Besondere war: Trotz der Anstrengung fühlte ich mich die ganze Zeit tiefenentspannt. Keine Gedanken an To-Do-Listen, kein Druck. Nur Beine, Luft, Berg, Blick. Genau das, warum ich wandern gehe.
Der Abstieg und die Realität
Was ich beim nächsten Mal besser einplane: den Abstieg. Nach so einer langen, anstrengenden Tour fühlt sich der Weg nach unten einfach lang an. Die Landschaft wird vertrauter, die Beschäftigung weniger abwechslungsreich, die Beine werden müder.
Wir sind beide an einen Punkt gekommen, an dem wir nur noch funktioniert haben. Fuß vor Fuß, Pause alle paar hundert Meter, zusammen weiter. Aber wir haben durchgezogen. Insgesamt waren wir mit allen Pausen 10 Stunden unterwegs.
Als wir am Parkplatz ankamen und die Autotür zugemacht haben, haben wir beide gelacht. Dieses müde, erleichterte, stolze Lachen, das nur nach so einem Tag kommt.
Zwei Tage später
Was mich fast am meisten überrascht hat: Mein Körper hat das richtig gut weggesteckt. Zwei Tage später hatte ich leichten Muskelkater in den Waden. Sonst nichts. Keine Knieprobleme, kein steifer Rücken, keine Totalerschöpfung. Einfach ein bisschen Ziehen.
An diesem Punkt wird mir klar, wofür ich eigentlich trainiere.
Das größte Geschenk
Ich mache seit Jahren Krafttraining, laufe regelmäßig und achte auf meine Ernährung. Mein Grund ist einfach: ich will fit sein für den Alltag und für die Momente, die sich spontan ergeben.
Dieses Wochenende war genau so ein Moment.
Das größte Geschenk ist für mich die Freiheit, aus dem Stegreif eine 25-Kilometer-Tour mit 1400 Höhenmetern anzunehmen und am Ende glücklich und nicht kaputt zu sein. Alles andere, das Spiegelbild oder die Zahl auf der Waage, ist für mich eine schöne Nebenwirkung.
Jede Trainingseinheit, die ich dieses Jahr gemacht habe, hat sich an diesem einen Samstag ausgezahlt. Jede Kniebeuge, jeder Long Run, jede Yoga-Session. Alles war in diesem Moment plötzlich sichtbar und spürbar.
Wenn du das auch willst
Wenn du gerade nicht trainierst und dir manchmal denkst „wofür eigentlich“, versuch es mal mit dieser Perspektive. Du trainierst für die Momente, die noch kommen. Für die spontane Wanderung mit einer Freundin, die sechs Stunden länger wird als geplant. Für die Hilfe beim Umzug deiner Eltern. Für den Spaziergang mit deinem Kind, bei dem du noch Energie zum Spielen hast, wenn ihr nach Hause kommt.
Du trainierst dafür, dass dein Körper mitmacht, wenn das Leben etwas Großes anbietet. Das ist für mich der Grund, warum ich dranbleibe.


