Laufen hat mir lange Zeit überhaupt keinen Spaß gemacht. Ich habe es oft versucht. Habe mir Sportklamotten angezogen, bin losgelaufen, war nach 3 Kilometern platt und habe mich gefragt, warum andere Menschen das freiwillig machen.
Und jetzt sitze ich hier, 2,5 Wochen vor meinem ersten Halbmarathon, und Laufen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen geworden. Wie das passieren konnte, will ich dir hier erzählen. Vor allem für den Fall, dass du gerade an genau dem Punkt stehst, an dem ich vor ein paar Jahren stand.
Warum Laufen am Anfang einfach Mist ist
Wenn du das erste Mal in deinen Laufschuhen stehst, denkst du wahrscheinlich: Ich laufe jetzt los, ich gebe Gas, ich bringe das hinter mich. Du willst etwas leisten. Du willst nicht so aussehen, als würdest du gemütlich joggen, sondern wirklich laufen.
Genau das war mein Fehler. Über Jahre.
Ich bin viel zu schnell losgelaufen. Mein Puls war nach kurzer Zeit irgendwo bei 180. Ich habe gerungen mit jedem Atemzug. Nach 15 oder 20 Minuten war ich fertig. Und am nächsten Tag taten alle Muskeln weh, die, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe.
Klar, dass mir das keinen Spaß gemacht hat. Es war jedes Mal eine Mini-Hölle.
Was ich heute weiß: Zone 2 ist alles
Wenn ich heute noch mal von Null anfangen würde, würde ich eine einzige Sache anders machen: super viel Zone 2 Training.
Zone 2 bedeutet ganz einfach: Du läufst so langsam, dass du dich noch in vollständigen Sätzen unterhalten kannst. Bei mir war das am Anfang eine Pace von 9:30 Minuten pro Kilometer. Manchmal sogar 10:00. Das fühlt sich am Anfang lächerlich an. Du hast das Gefühl, du läufst rückwärts. Spaziergänger überholen dich.
Aber genau das ist die geheime Zutat.
In Zone 2 baut dein Körper Ausdauer auf, ohne dass du nach jedem Lauf einen Cool-Down von drei Tagen brauchst. Dein Herz lernt, effizient zu pumpen. Deine Muskeln lernen, Sauerstoff besser zu nutzen. Und das Beste: Es tut nicht weh.
Nach ein paar Wochen passiert dann etwas Magisches. Diese Pace, die sich am Anfang quälend langsam angefühlt hat, wird auf einmal normal. Du läufst eine 9:30 Pace, ohne darüber nachzudenken. Und nach noch ein paar Wochen merkst du: Hey, ich kann diese Pace eigentlich auch eine ganze Stunde lang halten.
Dann fühlt sich Laufen so entspannt an wie spazieren. Mit dem Unterschied, dass du innerhalb der gleichen Zeit doppelt so weit kommst.
Die Methode für den allerersten Schritt: Walk Run Walk
Wenn dir auch die langsamste Zone 2 Pace noch zu anstrengend ist, hier mein zweiter Lieblings-Tipp: kleine Intervalle.
Du läufst 1 Kilometer. Du gehst 1 Kilometer. Du läufst 1 Kilometer. Du gehst 1 Kilometer.
Oder noch kürzer: 2 Minuten Laufen, 2 Minuten Gehen.
Was du dadurch erreichst:
Du gewöhnst deinen Körper an die Belastung, ohne ihn zu überfordern. Du erholst dich zwischendurch immer wieder. Du baust Selbstvertrauen auf, weil du eine Einheit komplett durchziehst, ohne abzubrechen. Und du legst die Basis für längere Strecken.
Diese Methode wird im Englischen auch Couch to 5K genannt, weil sie dich systematisch von der Couch auf 5 Kilometer am Stück bringt. Ich finde, sie ist einer der unterschätztesten Tipps für absolute Anfängerinnen.
Du musst nicht ans Limit gehen
Das ist die wichtigste Botschaft, die ich dir mitgeben möchte.
Wir haben aus Schulsport und Fitnessvideos und Instagram irgendwie alle gelernt, dass Sport Anstrengung bedeutet. Dass es nur zählt, wenn es weh tut. Dass No Pain No Gain die einzige Wahrheit ist.
Das ist Quatsch. Zumindest für Laufen. Zumindest für den Anfang.
Wenn du anfängst, willst du zwei Dinge erreichen:
Erstens, dass dein Körper sich an die Belastung gewöhnt. Knochen, Sehnen, Bänder, Bindegewebe brauchen Wochen und Monate, um sich anzupassen. Wenn du sie überforderst, holst du dir Verletzungen.
Zweitens, dass dein Kopf Laufen mit etwas Positivem verbindet. Wenn jeder Lauf eine Qual ist, gibst du auf. Wenn jeder Lauf sich gut anfühlt, willst du wiederkommen.
Beides erreichst du, indem du am Anfang viel langsamer läufst, als du eigentlich könntest. Klingt paradox, funktioniert aber.
Was sich bei mir verändert hat
Ich habe 2025 so richtig mit dem Laufen angefangen. Ich bin vorher schon seit über 10 Jahren mal mehr mal weniger gelaufen, aber nie wirklich mit Spaß. 2025 lief ich schon so 5-7 km pro Lauf. Heute, ein gutes Jahr später, sind 13 oder 14 Kilometer am Samstag mein Lieblings-Long-Run. Lange Strecken sind tatsächlich meine Freunde geworden.
Wenn mir das vor zwei Jahren jemand erzählt hätte, ich hätte abgewinkt und gesagt: Das ist nichts für mich.
Aber das stimmte gar nicht. Laufen war nichts für mich, solange ich es falsch gemacht habe. Sobald ich angefangen habe, mich auf Zone 2 zu fokussieren, lockere Läufe wichtiger zu nehmen als schnelle Läufe, und meinem Körper Zeit zu geben, hat sich alles verändert.
Mein ausführliches Trainingstagebuch von August bis heute findest du übrigens hier, falls du wissen willst, wie genau das Jahr abgelaufen ist.
Mini-Anleitung: Wie du diese Woche anfangen kannst
Falls du jetzt motiviert bist, hier ein super einfacher Einstieg für die nächsten 14 Tage:
Lauf dreimal pro Woche. Immer in Zone 2, also so langsam, dass du dich noch unterhalten könntest. Sobald du nicht mehr reden kannst, machst du kleine Geh-Pausen. Kein Stress.
Lauf 20 bis 30 Minuten pro Einheit. Strecke ist erstmal egal. Es geht um die Zeit auf den Beinen, nicht um Kilometer.
Achte darauf, wie du dich nach den Läufen fühlst. Wenn du dich am nächsten Tag richtig kaputt fühlst, warst du zu schnell. Wenn du dich gut fühlst, perfekt.
Mehr braucht es am Anfang nicht. Keine Pulsuhr, keine Apps, keine Spezial-Schuhe. Einfach loslaufen, langsam bleiben, dranbleiben.
Und dann
Wenn du nach vier oder sechs Wochen merkst, dass sich die langsame Pace ganz normal anfühlt, kannst du anfangen, etwas zu variieren. Längere Läufe am Wochenende. Ein kurzer schneller Lauf in der Woche. Aber das ist Zukunftsmusik.
Erstmal geht es darum, dass du Laufen mit etwas Schönem verbindest. Mit dem Gefühl danach. Mit dem Stolz, dass du dich aufgerafft hast. Mit den 30 Minuten Kopf-frei pro Tag.
Und wenn du eines Tages an einem Samstag 15 Kilometer am Stück läufst und denkst: Eigentlich könnte ich noch zwei mehr, dann weißt du, dass es funktioniert hat.


